the finest Carnival

THE FINEST HISTORY – KARNEVAL

Karneval also. Die fünfte Jahreszeit. Der geplante Ausnahmezustand.

Es gibt sie ja, diese Wetten, die man partout nicht verlieren möchte, weil der Wetteinsatz schlicht zu hoch ist (oder schmerzhaft): die Flasche Tabasco auf Ex… nun gut; die nächstbesten Streifenpolizisten fragen, ob Mama ihnen mal wieder dieselben Klamotten rausgelegt hat… fein; selbst bei Burger King Big Macs für die gesamte angetrunkene Freundesmeute im Rücken bestellen (natürlich im Tutu)… geschenkt. Denn all das ist nichts, aber auch gar nichts gegen jene im illustren Bekanntenkreis unseres nicht minder illustren Magazins abgeschlossene Wette, bei der der geneigte Verlierer am Freitag vor Rosenmontag auf dem SWR ab – Helau, Alaaf, Kamelle – 20:11 Uhr „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ anschauen muss. Die ganzen quälenden 240 Minuten. In voller Lautstärke. Ohne aufzustehen. Ohne einzuschlafen. Ohne zu weinen. Und all das noch dazu: nüchtern…

Wen genau das in diesem Jahr treffen wird? Wir wissen es noch nicht. Eines aber, das wissen wir ganz genau: auch in diesem Jahr wird uns der Karneval erneut vor die Frage stellen, warum sich der qua Definition ja denken könnende Homo sapiens erneut konzertiert und freiwillig in figur- wie würdestrapazierende Kostüme zwängen wird, um sich bei gefühlt sibirischen Außentemperaturen steinharte und ohnehin längst abgelaufene Bonbons aus dem Vorjahr vor die Füße oder gleich an den Kopf zu werfen und dabei volltrunken den Versuch zu unternehmen, wenigstens den Refrain solch tiefgründiger Straßenfeger wie „Tschingderassabum“, „Der Eiermann“ oder „Es ist noch Suppe da“ einigermaßen fehlerfrei und nicht übermäßig lallend über die mit glitzerndem Lippenstift verunstalteten Lippen zu bringen.

Karneval also. Die fünfte Jahreszeit. Der geplante Ausnahmezustand. Ein Millionengeschäft, gespickt mit den unterschiedlichsten Brauchtümern – und das weltweit: sieht es in Rio de Janeiro noch durchaus anziehend aus, wenn die Tänzerinnen und Tänzer der legendären Sambaschulen aufwändig kostümiert durch die Straßen ziehen, zieht der geneigte Kanadier lieber so gut wie blank und betrinkt sich stattdessen knapp bekleidet im Schnee; der Karneval im griechischen Galaxidi findet traditionell mit einer ausufernden Mehlschlacht sein Ende, im britischen Notting Hill wird seit Mitte der 1960er bereits im August ‚Carnival‘ gefeiert, im bolivianischen Oruro tanzen die ‚Diablada‘ genannten Teufel um die Wette und in Venedig bestaunt man hinter kunstvoll verzierten Masken einen Engel, der vom Glockenturm aus auf den Markusplatz schwebt.

Karneval, „Carne vale“ – der namentliche Ursprung all dessen, so ist man sich weithin sicher, liegt im Lateinischen, denn „Carne vale“ heißt so viel wie „Bye Bye Fleisch“. Mit Beginn des 12. Jahrhunderts nämlich haben es die Christen vor der heiligen Fastenzeit noch mal so richtig krachen lassen – Völlerei, bis die Bibel kommt, wenn man denn so will. All das garniert mit Verkleidungen und Rollenspielen, bei denen sich der Narr im Menschen noch einmal so richtig austoben durfte, ehe er für 40 Tage (die eigentlich 46 sind, nachdem auf der Synode von Benevent im Jahre 1091 die Sonntage vom Fasten ausgeklammert und die eigentliche Fastenzeit daher um sechs Tage vorverlegt worden war) auf Fleisch, Fett, Eier und Milch würde verzichten müssen.

Ein zutiefst humanistischer Gedanke

Andererseits liegt dem Karneval aber auch ein zutiefst humanistischer Gedanke zugrunde: denn bereits eine altbabylonische Schrift aus dem 3. Jahrtausend vor Christus erzählt davon, dass unter dem Priesterkönig Gudea ein siebentägiges Fest gefeiert wurde, an dem „kein Getreide gemahlen“ werden durfte und „die Sklavin der Herrin“ gleichgestellt zu sein habe wie „der Sklave an der Seite seines Herrn“. Ähnliche Feste, die zumeist mit dem Erwachen der Natur im Frühling einhergingen und gleichermaßen das Gleichheitsprinzip ins Zentrum des Geschehens rückten, finden sich auch in anderen Kulturen des Mittelmeerraums.

In jener Zeit, welch Wunder, waren die Festivitäten noch tief mit der Welt der Götter und nicht mit der Welt des Kommerz verbunden (denn der Kommerz, wie der geneigte Leser dieses Magazins weiß, wurde erst ein gerüttelt Zeitmaß später zum neuen Gott der westlichen Welt); heutzutage ist Karneval (weltweit) bei aller Ausgelassenheit auch ein Wirtschaftsmotor.

In Deutschland zieht allein der Rosenmontagsumzug in Köln rund eine Million Besucher aus aller Welt an – was satte 500 Millionen Euro in die Kassen spült (rund ein Viertel des bundesweiten Karnevals-Umsatzes von zwei Milliarden Euro pro Jahr). Beim Nachbarn in Düsseldorf profitieren Schätzungen nach rund 3.500 Arbeitnehmer dauerhaft vom Karneval; überregional, so eine Erhebung des BDK, seien es 40.000 Beschäftigte in mehr als 3.000 Unternehmen. Die stellen unter anderem die eingangs erwähnten Kamellen her – und mit denen ist man in Köln alles andere als geizig: allein am Rosenmontag werden satte 330.000 Tonnen Süßigkeiten in die Menge geworfen, darunter 700.000 Tafeln Schokolade und 220.000 Pralinenschachteln. Und da zumindest die Verpackungen auf dem Pflaster liegenbleiben, werden in der Restmüllverbrennungsanlage der Rheinmetropole rund 111 Tonnen (keine Scherzzahl, aber vielen Dank für die Aufmerksamkeit…) Müll verbrannt, der beim Umzug anfällt. Und was wird aus 111 Tonnen Müll? Genau: 67.000 Kilowattstunden Strom… oder der Bedarf von 20 Zwei-Personen-Haushalten pro Jahr.

Doch nun: genug der smalltalktauglichen Zahlenspielereien aus dem Rheinland – denn er steht vor der Tür, der Karneval. Und hier in Andalusien natürlich vor allem in Cádiz. Dort ziehen sich die Feierlichkeiten vom 20. Februar bis zum 1. März des Jahres und gehören zum internationalen Kulturgut. Also: auf ins Getümmel – wir wetten, Ihr werdet Spaß haben… und sollten wir die Wette verlieren, wisst Ihr ja, was uns blüht… und noch dazu: nüchtern.