Happy Valentines Day

HAPPY VALENTINE

… und dann sitzt Ihr da, Freitagabend um acht, der überfüllte Italiener ums Eck, Udo Jürgens singt, dass er noch niemals in New York war und auch nicht auf Hawaii, süßer Sekt zum Warmwerden und später dann die glibberigen Austern, deren Konsistenz Ihr noch nie ertragen konntet, noch nie, und der Geschmack erst, doch Ihr kommt aus der Nummer nicht raus, das wisst Ihr, der verdammte Tisch ist seit Wochen reserviert, es ist Valentinstag, 50 Euro fürs ‚Menu Amore‘, alles inklusive, selbst das bemüht-romantische Plastikgesteck, das zwischen Euch steht wie ein pochendes Mahnmal und Euch schmerzlich an jene längst verblichenen, jedenfalls verblassten Träume erinnert, die Ihr füreinander aufgegeben habt, damals, lang ist’s her, aufgegeben fürs große Ganze, das Euch doch verbindet, das Euch doch größer macht als all die anderen, nicht wahr, und das Ihr deshalb aus purem Selbstschutz Liebe genannt habt. Man muss dem Kind im Brunnen doch schließlich einen Namen geben, das denkt Ihr auch, während Ihr zusammen mit den glibberigen Austern auch Eure Hoffnung auf ein vages Morgen runterschluckt, das endlich wieder schmeckt wie jenes warme Nutellatoast von dereinst und sich endlich wieder anfühlt wie der erste heimliche Kuss von damals mit dreizehn, vierzehn oder fünfzehn Jahren, in der dunklen Ecke im Partykeller vielleicht oder auf dem sommerregennassen Weg zur Schule, Ihr erinnert Euch, und Ihr wisst noch ganz genau, wie er sich angefühlt hat, jener Kuss, nicht wahr, und dann: „Karte oder bar, und darf’s noch ein Kaffee aufs Haus sein?“

Happy Valentine!
Da ja nun seit einigen Monaten weithin bekannt ist, dass the finest als unbestritten investigativstes aller Magazine der nördlichen Hemisphäre die Dinge tatsächlich beim Namen nennt, möchten wir Euch natürlich nicht unterschlagen, dass sich die eingangs beschriebene Szenerie so nie abspielen würde, ja überhaupt könnte – denn das ‚Menu Amore‘ heißt in Wirklichkeit ‚Menu de San Valentin‘ und kostet 60 statt 50 Euro pro Person. Das vorab.
Und auch, dass Ihr Euch nicht für jenen tiefen Drang schämen müsst, Eurem Partner endlich mal zwischen Sekt und Austern aus tiefstem Herzen und mit funkelndem Blick zu sagen: „Schatz, Du bist einfach nur krank!“ Rein biologisch betrachtet nämlich habt Ihr damit vollkommen recht: denn das, was wir weithin kurzerhand wie überstürzt Liebe nennen, ist nichts weiter als eine hormonell gesteuerte

Obsession, die dank nebenwirkungsschwangerer Stoffe wie Cortisol, Dopamin, Endorphin und Adrenalin (letzteres löst unter anderem Nervosität, Angst, Halluzinationen und Krämpfe aus) in ihrer Symptomatik an illustre Krankheitsbilder wie Schizophrenie und verschiedene Psychosen erinnert. Dies trage dazu bei, so das romantisch-verblümte Poesieportal Wikipedia, dass Verliebte sich zeitweise in einem „Zustand der Unzurechnungsfähigkeit“ befinden könnten, Hemmschwellen abbauten und sich zu irrationalen Handlungen verleiten ließen. Nach kurzer Zeit jedoch gewöhne sich der Körper an die ausgeschütteten Dosen, und das Gehirn beende (laut Weltgesundheitsorganisation nach 24 bis maximal 36 Monaten) den sensorischen Rauschzustand. Ausgeträumt, Wecker aus, die Kinder wollen Frühstück!

Nun gut. Nachdem wir nun also den emotional aufwühlenden Teil des 14. Februars übermäßig sinnlich wie verklärt beleuchtet haben, wenden wir uns doch einen kurzen Moment der allseits beliebten Statistik zu (auch, damit das Klappern Eures Bestecks beim Italiener um die Ecke nicht allzu laut wird, während Ihr verzweifelt nach Themen sucht): In Großbritannien gibt beinahe die Hälfte der Bevölkerung Geld für Valentinsgeschenke aus – jährlich rund 1,3 Milliarden Pfund für Karten, Pralinen und Blumen. Letztere sind auch bei den Deutschen überaus beliebt: zum Valentinstag 2018 transportierte die Lufthansa Cargo stolze 800 Tonnen roter Rosen nach Deutschland. Wenn das mal keinen CO2-Abdruck im Herzen hinterlässt. Der Amerikaner geht noch einen Schritt weiter: rund 9 Millionen US-Bürger beschenken zum Valentinstag ihre Haustiere. Und in Südkorea schließlich verschenken Frauen am 14. Februar Schokolade an Männer, Männer machen ihnen dann am 14. März, dem „White Day“ Geschenke – doch wenn der geneigte Südkoreaner an beiden Tagen leer ausgeht, dann isst er am 14. April, dem so genannten „Black Day“, Nudeln mit schwarzer Sauce, die ‚Jajangmyeon‘ heißen und über die man mit Krokodilstränen gar herrlich sein Singledasein beweinen kann.

In diesem Sinne: Ihr, liebe Leser, seid uns lieber und teurer als jede bittersüße Pralinenschachtel. Also sehen wir uns doch einfach, Ihr wisst schon, Freitagabend beim Italiener ums Eck, Amore und San Valentin – Ihr mit Austern, wir mit schwarzen Nudeln…oder umgekehrt?