THE FINEST PEOPLE – THE TOTEM GUY

the finest people – Totem Guy

Er ist: der Dude. Und der Dude ist vor allem eines: busy. Immer busy. Fuckin busy.

Künstlerportraits zu schreiben, das ist ja so eine Sache. Eigentlich kannst Du dabei als Schreiber nur verlieren. Entweder, weil der Portraitierte sich un-, jedenfalls missverstanden fühlt – oder, weil Deine Leser denken: hat der Möchtegern-Bukowski wohl wieder zu viel Lack geschnüffelt, ehe er sich an den Text gesetzt hat, mmh?
Also nähern wir uns doch über die persönliche Ebene an, die zwischenmenschliche, die, ja, in diesem Fall auch freundschaftliche – und um ein bisschen Kunst wird’s auch gehen, keine Sorge.

Anton Dijkgraaf, dieser Dude, kommt selten allein. Eigentlich gibt’s ihn für gewöhnlich nur im Viererpack – mit dabei: seine Frau Sylvia, selbst Künstlerin, und die beiden sympathisch-neurotischen Taschenformathunde Molly und Boy (Letzterer klingt beim Versuch zu bellen in etwa so wie Amy Winehouse auf ihrem letzten Konzert…).

Ihr neues Fortbewegungsmittel: ein dunkelgrüner Suzuki Jimny („That’s a fuckin cool car, man!“), mit dem es zwischen ihrem kleinen aber feinen Haus in Benajarafe („That’s the fuckin nicest place on earth, man!“) und ihrem Lieblingschiringuito hin- und her- geht, dem Charango („That’s our fuckin second home, dude!“).

An diesem Nachmittag im Dezember jedoch, als wir den Dude am Strand treffen, um ihn mit unserer dem neuen Jahrzehnt mehr als angemessen-fortschrittlichen Hightech-Drohne zu fotografieren und auch, um ihm über einer Flasche Wein die Frage zu stellen, ob wir wirklich alles aus sei-nem Leben preisgeben dürfen und er antwortet: solang es nicht die Wahrheit ist, an diesem Nachmittag im Dezember also treffen wir ihn am Strand in Almayate, Juan, El Hornillero, und später dann bei Jóse, Tranki Beach, hundert Meter weiter, denn überall dort – und nicht nur dort: seine Kunst. Anton, der Totem-Mann. Eine Leiden- schaft, die er zur Profession gemacht hat – Totems für Spanien, Totems für die Costa del Sol, die Axarquía. „A fuckin nice project, man!“ Und: Prost!

Es gibt sie, diese Menschen, die kannst Du nur lieben oder hassen. Ein Dazwischen: ausgeschlossen.
Ein Der-geht-mir-am-Arsch-vorbei: unmöglich. Und vielleicht sind es ja genau diese (im positivsten aller Sinne) unbequemen und unangepassten, weil unanpassbaren Charaktere, die das Leben bunt machen, jedenfalls bunter als all jene aus der großen, undefinierbar vor sich hin wabernden Statistenmasse des Daseins, von denen man beim besten Willen nicht weiß, ob sie gestern Abend auch auf der Party waren, auf der man selbst auf dem Billardtisch zu Bonnie Tyler getanzt hat (selbst ohne Filmriss am nächsten Morgen…).
So einer jedenfalls ist er, dieser Anton: lieb ihn oder hass ihn. Seine Arbeit jedoch steht, unabhängig davon, für sich. Und so kommen wir ein wenig zu seiner Arbeit, denn seine Arbeit ist Kunst. Und zu Kunst kann für Anton alles werden. Das freut, unter anderem, die Kinder des geneigten Verfassers dieser Zeilen, denn ganz gleich, was sie finden, ganz gleich ob zertretene Dosen, vertrocknete Palmwedel oder jene weißen Rückenknochen zehnarmiger Sepien, die den illustren wie an ein chronisches Magenleiden erinnernden Namen Schulp tragen und auf die sich so vortrefflich malen lässt, nachdem man sie gewaschen hat: Anton nimmt alles – und verwandelt so das Natürliche, das Gegebene in etwas Un-Natürliches, noch nicht Dagewesenes. Objet trouvé eben, der gegenständliche Alltag wird zur abstrakten Kunst. Klingt gut – oder zu geschwollen? Es war ja nur ein Versuch…
Also zurück zum Greifbaren, und was wäre greifbarer als ein Zitat: „Ich bin gemeinsam mit Sylvia um die Welt gereist. Und dabei habe ich die afrikanischen, indischen und asiatischen Inspirationen für meine Arbeit gefunden. What a ride, dude!“

That’s fuckin’ crazy shit, dude! And we love it!

Seinerzeit, ehe sie sich in Andalusien niedergelassen haben, waren sie für Reportagen rund um den Globus unterwegs. Er als Fotograf, sie als Autorin. Das Zuhause damals: eine alte Zigarrenfabrik im Rotlichtviertel von Amsterdam („That was fuckin weird, man!“). Draußen die Damen, Herren und Dritten fürs schnelle Vergnügen, drinnen eine Dunkelkammer und eine Bibliothek mit Kunst- und Kulturwälzern aus der ganzen Welt. Fehlt eigentlich nur noch die Schreibmaschine, und Möchtegern-Bukowskis Bild wäre perfekt, möchte man meinen.

Irgendwann jedoch wurde es zu eng – und vielleicht auch zu laut in der Rossebuurt, dem größten Vergnügungsviertel Europas. Also zogen die beiden in die Outskirts von Amsterdam und entschlossen, als eigenständige Künstler zu arbeiten, jeder für sich und doch vereint. Antons Atelier: eine alte Scheune neben einem Pferdestall. Ein Ort, wo er großflächige, ja gewaltige Gemälde wie das ‚Big Iron Horse‘ (2005) und den ‚Skeleton Man‘ (2007) schuf. Gemeinsam mit Sylvia, die sich inzwischen als Kunstfotografin etabliert hatte, fand er kurze Zeit später eine Galerie, die die Werke beider Künstler weltweit ausstellte – von Amsterdam um die Ecke bis New York auf der anderen Seite des großen Teichs.

2012 dann jedoch die Entscheidung: wir haben’s gesehen, Holland kann Regen und sonst nicht viel, wir ziehen weiter. Und dieses Weiter wurde Spanien, Andalusien, die Costa del Sol. Östlich von Málaga ließen sie sich in den Bergen nieder, und Anton begann, seine Totems zu erschaffen – aus Tierskeletten, dem Holz alter Ruinen aus der Nachbarschaft, Metall und trockenen Blättern. Später dann, 2015, nachdem es sie an die Küste nach Benajarafe gezogen hatte, entstanden farbgewaltigere Arbeiten auf Holzelementen alter Cortijos und, wie man wohl Neudeutsch sagen würde,‚abgedrehte‘ Werke aus Treibholz, verrosteten Dosen und Alltagsgegenständen.

So viel zum Nachweisbaren – zum Biografischen, zu dem, was man für gewöhnlich über sein Leben preisgeben möchte (oder muss…).
Und natürlich, wen würde es wundern, ist auch der Dude, ist auch Anton Dijkgraaf wie wohl jeder freischaffende Künstler der Welt darauf angewiesen, seine Kreativität (auch) in bare Münze zu verwandeln, Follower bei Instagram und Facebook zu generieren (Hashtag #antondijkgraaf; weitere Infos auch auf der neuen Website unseres illustren Straßenfegers thefinest-magazine.com) und, kurzum, davon leben zu können, anderen Menschen zu zeigen, dass es vor allem, wenn nicht gar ausschließlich, die Unangepassten und Unbequemen sind, die unser aller Leben bunt machen – zumindest bunter als… na, Ihr wisst schon…

Also: blättert durch, lasst das, was Ihr seht, auf Euch wirken, kauft es oder nicht, hasst es oder liebt es – wir von the finest, dem auflagenstärksten wie prestigeträchtigsten Kunst- und Kulturmagazins Spaniens jedenfalls, haben unsere Entscheidung schon längst getroffen – und sagen: „That’s fuckin crazy shit, dude! And we love it!“.

Facebook: Anton Dijkgraaf
Instagram: @antondijkgraaf